Was macht eigentlich ein Klischee-Student?

Jaja, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Weiß man ja. Vielleicht aber nicht gerade in den deutschen Hochschulen, die so gar nichts mehr von den preußischen Bildungsanstalten eines Alexander Humboldt haben und deren legerer Ruf heutzutage eher ein anderes Leitbild vom Student zeichnet. Allerdings auch anders als der Klassenkämpfer der 68er Generation, denn der Student von heute ist mehr als nur lebendiges Klischee, er ist Paradoxon, er ist Generation Praktikum und er hängt an Papas Portemonnaie-Zipfel. Was aber macht den Klischee-Student von heute denn aus?

Das Leitbild der Lehre

Geselle und Meister waren bis vor wenigen Jahren noch die Titel der handwerklichen Künste, ein Student dagegen wurde Magister, Doktor gar(!) oder erwarb sich ein Diplom. Den Statistikern der deutschen Hochschule reichte dies aber nicht und so verschulte man die universitäre Lehre und nahm dem Studienalltag einen gehörigen Teil der Freiheit, die man als Student ehedem besaß. Gründe hatte dies zwar, schließlich wollte man durch schnellere und rigidere Methoden erzwingen, dass die Studenten die Alma Mater nicht ohne Abschluss verlassen – allerdings übersah man, dass so mancher Student einfach ins Berufsleben wechselte. Ohne Abschluss eben, denn Lehre braucht manchmal seine Zeit.

Die Universitäten von heute nehmen dagegen lieber die Schnellläufer mit 17 Lenzen unter ihre Fittiche und bilden die Pennäler von gestern bis zum 22. Lebensjahr zum Master of jeweilige Studienrichtung aus. Dass mit 22 Jahren kaum ein Student bereit ist, etwa ein Lehramt zu beziehen, die Reife besitzt, eine Führungsposition zu besetzen oder als Doktorand ernst genommen wird, ist für die Statistik schließlich unerheblich.

Zeitdruck und Stress

Dafür muss der Student von heute sich mit dem strikten Zeitdruck herum ärgern und läuft dem Damoklesschwert der Regelstudienzeit hinterher. Zeitmanagement ist also der beste Freund des Studenten. Zeitmanagement und Kaffee (oder Energy-Drinks, je nach Präferenz des Alters). Der Student, der im 20. Semester Jura und Kunstgeschichte studiert, gehört dank Maluspunkten nämlich so langsam ins Reich der Mythen und Märchen. Zwar überschätzen Studenten gerne einmal den tatsächlichen Zeitaufwand ihres Studiums, allerdings ist die Regelstudienzeit für die meisten Studenten der stetige Begleiter des universitären Alltags und befreit von der eigentlich Schönheit und Freiheit des Uni-Lebens. Schade eigentlich… Denn dass das Studium eigentlich viel lockerer angegangen werden kann, dass Dozenten keine Lehrer sind und dass gut Ding Weile haben will, merkt man oft erst, wenn man die Master Thesis ans Prüfungsbüro schickt.

Wer soll das alles zahlen…?

Kein Geld, aber Vintage-Ray Ban? Gegen Großindustrie twittern vom iPhone 5? Das sind die Paradoxien, die so mancher Student von heute auslebt. Deutschland hat sich mit dem bürokratischen Irrsinn, der sich Berufsausbildungsförderungsgeld schimpft, von Liebhabern kurz BaFög genannt, ein System der Idiotie geschaffen. War BaFög doch ursprünglich gedacht, um gleiche Chancen für alle Studenten zu schaffen, so ist der kleinkarierte Geist der Amtsstuben heute für allerlei willkürliche Eskapaden gut und so mancher Student fand sich schon kurz danach in zwei Tagesjobs wieder. Denn wer Anspruch auf BaFög hat, ist nicht unbedingt auf den ersten Blick ersichtlich, zumal die Struktur immer noch vom Gesellschaftsbild der 50er Jahre ausgeht. Selbst der BaFög-Höchstsatz reicht in vielen Städten kaum mehr für die Miete einer Ein-Zimmer-Wohnung, in Bundesländern mit Studiengebühren gibt es unlängst eine Uni-Flucht.
Die Kehrseite der Medaille ist Generation Papa-zahlt’s-schon, die mit dem gebügelten Lacoste-Shirt vor dem Wirtschaftsinstitut vorfahren, im 6er BMW.

Muss ein Student für den Abschluss von Bachelor oder Master gar ein Praktikum absolvieren, so bleibt ihm oft nichts Anderes übrig, als eine Vollzeitbeschäftigung wahrzunehmen, die selten die Bezeichnung Praktikum verdient. Und wenn ein Student 40 Stunden die Woche unbezahlt eine Vollzeitstelle wahrnimmt, so mag man sich über Steuervorteile und Ermäßigungen echauffieren, doch faire Behandlung sieht wahrlich anders aus.

Ein arbeitender Student jedenfalls verdient Respekt und Anerkennung. Denn auch wenn der Studentenalltag durchaus entspannt sein kann, hat der Student nicht das Glück, dass seine Eltern ihn finanzieren, wird das Studium oft zur Nagelprobe.

Philosophie, Jura, Medizin? Oder gar Theologie?

Bleibt noch die Frage, was man denn studieren soll, die schwierigste und vielleicht beste. Wenn ein Student unbedingt Lehrer werden möchte – gerade die Lehrämter erfuhren einen wahren Boom in den letzten Jahren -, so sollte er zwei Mal überlegen, ob er seine Leistungsfächer belegt, nur um direkt von der Uni zurück an die Schule zu gehen. Verschulter nämlich kann der Unialltag kaum sein.
Der Rush auf Jura und Medizin ist dagegen längst passé. Zwar laufen noch genug gestylte junge Damen in kurzen Röcken und Zweitsemester im Anzug durch die Hochschulen, doch die Beliebtheit der 90er erreichen beide Fächer nicht mehr. Klar, denn wer nichts mit sich anzufangen weiß wird Student der BWL oder VWL. Hauptsache Wirtschaft und Business, denn in ein Business will man ja schließlich wechseln. Eigentlich sollte es erschrecken, dass so viele Geschäftsleiter und BWLer gar keine richtigen Interessen haben und sich auch der typische deutsche Student für das klassisch amerikanische Modell von „Making Money“ interessiert. Gerne auch ohne fachlichen Hintergrund.

Und die Geisteswissenschaftler, nun, die bleiben trotz Verschulung ihr eigenes Völkchen. Verkopft und ohne Aussicht auf einen Job in ihrer Studienrichtung lesen sie Kant, Foucault und Barthes und diskutieren, als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Hier vielleicht, und einzig hier, lebt der klassische Student weiter. Und studiert Semester um Semester, liest aus Spaß, verschiebt seine Fristen und arbeitet mit einem Mindestmaß an Ehrgeiz an seiner Bachelor Thesis.

Denn ein Student, ob nun Klischee-Student oder nicht, wie auch ein guter Wein, braucht Zeit. Um zu reifen. Und besser zu werden. Denn wie die stetig sinkende Anzahl humanistisch gebildeter Pennäler weiß: NON SCHOLAE SED VITAE DISCIMUS.