Der Doktortitel – notwendiger Titel oder unnötige Zierde?

Deutschland ist das Land der meisten Promotionen. Nirgendwo sonst wird dem Doktortitel soviel gesellschaftliche Achtung entgegen gebracht, wie hier. Kein Wunder also, dass sich viele Studenten von einer Doktorarbeit ein höheres Ansehen, ein besseres Gehalt und größere Karrierechancen versprechen.

Der Einstieg in die eigene Forschungsarbeit

Die Doktorarbeit ist die Voraussetzung, um sich für eine Karriere in Forschung und universitärer Lehre zu qualifizieren. Mit ihr wird ein eigenständiger Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs geleistet, sie ist die Eintrittskarte in die akademische Arbeitswelt. Ohne den begehrten Titel läuft rund um die Universität und interessante Forschungsprojekte gar nichts. Deshalb ist die Dissertation für alle, die an der Universität arbeiten wollen, die richtige Entscheidung. Aber Vorsicht – die Quote der Abbrecher ist hoch. Wer sich am Ende gegen die Karriere an der Universität entscheidet, hat wertvolle Jahre vertan, in denen andere bereits Berufserfahrung gesammelt haben.

Einzelkämpfer oder Teamplayer?

Bei der in Deutschland weit verbreiteten Indivdidualpromotion sucht sich der Promovierende ein Thema selbst aus und bearbeitet dieses eigenständig. Wer zusätzlich eine Anstellung an der Universität hat, ist dafür zu einem nicht geringen Teil verpflichtet, promotionsfremde Aufgaben zu übernehmen. Auch das intensive Abhängigkeitsverhältnis zum Promotionsbetreuer birgt seine Tücken.
Neben der Individualpromotion findet sich in Deutschland eine wachsende Zahl sogenannter Promotionskollegs, in denen eine ganze Gruppe von Forschern ein gemeinsames Themenfeld bearbeitet. Die Themenwahl ist vorgegeben. Zur Arbeit in einem Promotionskolleg gehört ein fester Ausbildungsplan und die enge Einbindung in ein Team.

Pro und contra Doktortitel

Vor der Entscheidung zur Promotion sollte die Frage stehen, was mit der Promotion eigentlich erreicht werden soll. Nur wer ein klares Ziel vor Augen hat, wird die kommenden Jahre durchstehen. Zu promovieren, nur um den Eintritt in die Arbeitswelt zu verzögern, ist eine schlechte Strategie. Auch das Alter spielt eine wichtige Rolle: Mit spätestens 30 sollte die Doktorarbeit abeschlossen sein, ansonsten sinken die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Drei bis fünf Jahre werden für ein Dissertationsvorhaben durchschnittlich benötigt, der Umfang kann von etwa 50 Seiten in den Naturwissenschaften bis zu 300 Seiten und mehr in den Geisteswissenschaften betragen. Im Fach Kunst wird am seltensten promoviert. Die meisten Promotionen finden sich im Fach Mathematik, dicht gefolgt von den übrigen Naturwissenschaften und der Humanmedizin, in denen der Titel häufig die Vorraussetzung für eine Anstellung ist. Doch der Titel ist keine Jobgarantie. Zwar verdienen Promovierte im Schnitt besser als ihre titelfreien Kollegen, doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen sind groß. Ein Geisteswissenschaftler, der in einem exotischen Themengebiet promoviert hat, kann es anschließend auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben, besonders, wenn er in einen Beruf einsteigt, der mit seinem Promotionsthema wenig bis gar nichts zu tun hat. Er gilt schnell als überqualifiziert, verkopft und praxisfern. Auch in Banken und Werbeagenturen zählt die Berufserfahrung mehr als ein Titel.